Ein Gefühl, als hätte man nur die Augen geschlossen und die Welt hätte in der Zwischenzeit die Luft angehalten – das beschreibt am besten die Rückkehr eines Besuchers nach langer Abwesenheit in Deutschland. "Als ob ich nie weg gewesen wäre" ist ein 2020 veröffentlichter Roman von Hanna Minor, der das Gefühl des Nachhausekommens in eine Welt thematisiert, die vertraut und gleichzeitig fremd wirkt. Nach mehreren Jahren des Lebens und Arbeitens in den USA kehrt die Protagonistin, Lena, in ihre Heimatstadt Berlin zurück. Das Buch wirft einen ausdrucksstarken Blick auf die Frage der Identität und Zugehörigkeit.
Lena, die Hauptfigur, hat ihren beruflichen und privaten Neustart in der Neuen Welt gewagt, erstrebte Unabhängigkeit und Freiheit erlebt, doch als sie nach Deutschland zurückkehrt, wird sie von einem Gefühl des Wiedererkennens und des Friedens übermannt. Der Grund dafür ist nicht nur das Wiedersehen mit Familie und Freunden, sondern auch die unausweichliche Konfrontation mit den eigenen Wurzeln.
Was der Roman so treffend einfängt, ist der Spagat, den viele erfahren, die im Ausland gelebt haben: das Gefühl, nirgendwo ganz zu Hause zu sein, aber gleichzeitig an beiden Orten Spuren hinterlassen zu haben. Dieses "Dazwischen" verleiht Lena eine Perspektive, die der Autor für die Leserschaft erlebbar macht.
Das Buch lenkt die Aufmerksamkeit auch auf die sozialen und politischen Unterschiede zwischen den Kulturen. In der USA, fühlt sich Lena befähigt durch die scheinbar unendlichen Möglichkeiten, während sie in Deutschland, trotz progressiver Politik, manchmal auf festgefahrene Sichtweisen trifft. Dies spiegelt einen globalen Trend wider, der insbesondere junge Menschen betrifft, die mit einer weltweit vernetzten Kultur aufgewachsen sind, und zeigt, wie manchmal Hoffnung und Ernüchterung nahe beieinander liegen.
Interessant ist auch, wie Minor es schafft, komplexe politische und soziale Themen leichtverständlich auf die Charaktere zu übertragen, die in ihrem Alltag damit zu kämpfen haben. Der Leser bekommt Einblick in das deutsche Leben, mit all seinen Traditionen, den festgefahrenen Bürokratiemühlen, aber auch dem Gefühl der Sicherheit und Fürsorge.
Die Rückkehr in die Heimat weckt in Lena eine stillere, nachdenklichere Betrachtung ihrer selbst. Wo sie einst den Ausbruch suchte, erkennt sie nun den Wert von Vertrautheit und Routine. Damit fängt der Roman das Abenteuer des Lebens, das in der Einfachheit des Alltags gefunden wird, meisterhaft ein.
Von einem liberalen Standpunkt aus betrachtet, fordert das Buch auch die Leser auf, mehr über die Wichtigkeit von Identität, Heimatgefühlen und der Schönheit der Vielfalt nachzudenken. Es spiegelt wider, dass Fortschritt und Tradition sich nicht unbedingt widersprechen müssen, sondern harmonisch koexistieren können.
Kritisch lässt sich gegenüber dem Roman sagen, dass manche Themen wie die Identitätssuche nicht allzu tief behandelt werden. Manche Leser könnten den Eindruck bekommen, dass Lenas innerer Konflikt zu leicht gelöst wird. Das mag dem Gesamtbild der Erzählung an Tiefe kosten.
Dennoch versteht es Minor, ihre Leser in den Bann zu ziehen, und dies sicher auch wegen der emotionalen, authentischen Erlebnisse, die viele von uns persönlich nachvollziehen können. "Als ob ich nie weg gewesen wäre" ist eine literarische Einladung, unsere Wurzeln, unser Selbst und unsere Umgebung mit neuen Augen zu betrachten.
Für die Generation Z eröffnet dieses Buch einen Dialog über Zugehörigkeit und Identität in einer globalisierten Welt, die manchmal mehr Fragen aufwirft als Antworten gibt. Es ist eine Erinnerung daran, dass wir alle, egal woher wir kommen oder wo wir hinziehen, Menschen mit Geschichten und Erfahrungen sind, die unser Leben bereichern und definieren. Ob man nun tatsächlich jemals weg war, oder nicht, am Ende zählt das Gefühl, nach Hause zu kommen.